Statement
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MAX FRAZEE

DRAG RACING wird mit hochgezuechteten Rennfahrzeufen ausgeuebt. Es ist ein besonders in den USA beliebter Beschleunigungsrennsport, in welchem zwei Wettbewerbsteilnehmer Seite an Seite aus dem Stand beginnen und eine flache, geradlinige Strecke von 402.33 Metern in explosiver Beschleunigung in 4 bis 5 Sekunden durchmessen. Der Fahrer, der zuerst die Ziellinie ueberquert, ist der Sieger. Ein drag racing Wettbewerb bestecht aus einer Serie solcher paarweiser Eliminierungslaeufe. Die siegreichen Fahrer treten so lange gegeneinander an, bis der endgueltige Sieger einer Wagenklasse ermittelt ist.

Max Frazee, der in den fruehen Achtzigern von der U.C. Irvine Universitat mit einem Whitney Museum - Stipendium nach New York kam, ist international am besten durch seine Installationen bekannt, die das Phaenomen "Serienmord" (serial killing) in den westlichen Industriegesellschaften untersuchen.

Wenn Serienmoerder nach der Motivation ihrer Handlungen gefragt werden, erwaehnen sie unweigerlich eine unerklaerliche Erregung, eine Art Machtrausch, eine gewisse Form von "High".

Ein hervorstechendes Merkmal in der Evolution des Menschen besteht darin, dass er die einzige Kreatur ist, die gelernt hat, Stress als Antriebskraft zu strategischem Hanleln zu nutzen.

Frazees neue Arbeit verknuepft diese beiden Aspekte.

Drag racing testet die Grenzen der physischen Wirklichkeit. Es geht dabei um das Ueberwinden von Grenzschwellen unterschiedlichster Art. Dieser schnellste Rennsport der Welt bringt das Leben des Fahrers in Gefahr und kann sogar dessen Tod herbeifuehren.

Die enge Verbindung von Fahrer und Rennwagen wird von persoenlichem Forschungsdrang bestimmt. Kein pramatisch-praktisches Ziel steht zur Debatte. Statt dessen wird intensive Neugier fuer die Grenzen und Hemmnisse

persoenlicher Hoechstleistung ausgelebt.

Frazees Schwerpunkt der Untersuchung liegt nicht auf dem Aspekt des "Helden", sondern auf dem der persoenlichen Herausforderung des Individuums.

Ein weiterer Bereich von Frazees Interesse ist der Rennwagen selbst. Bei den dragster sport Fans wird dieser als Objekt, das Power repraesentiert, als Verkoerperung eines unabhaengigen Verbuendeten und als gelegentlicher Gegner gesehen. Die "Verschmelzung" von Fahrer und Wagen geschieht in einem Wettbewerbsrennen im Zeitraum von etwa 4 Sekunden, in welchem der Mensch auf Gedeih und Verderb im Rennwagen eingekapselt ist. Diese "Fusion" ist "alchemistisch": Der Mensch wird zur Maschine, Maschine und Mensch gemeinsam werden zum roehrenden, schnaubenden "Tier".

Es ist interessant zu sehen, wie ein Kuenstler ein Thema bearbeitet, das bestenfalls bisher durch Video-und Film-Footage einzelner Rennen festgehalten oder mittels Photgraphie dokumentiert ist, wobei sich letztere in der Regel auf die Siegeswagen und die Portraits ihrer Fahrer konzentriert. Die Photos, Videos und Audioaufnahmen, die Frazee in der Vorbereitung dieses Arbeitsthemas machte, beziehen sich auf den "Tiercharakter" des Rennwagens, das "animalische" Objekt. Seine vorbereitende Dokumentation richtet sich auf den Moment, in dem die Fahrer in Vorbereitung des eigenlichen Rennens ihre Reifen "abbrennen" (burn out), d.h. in einem Kurzlauf die Reifen anwaermen und Gummi auf die Strecke bringen; auf die Abgaswolken des Nitromethangasgemischs (das Tier "atmet aus"); auf die Aesthetik des Freigebens und Aufblaehens der Fallschirme, die noetig sind, die Wagen nach dem Rennen abzubremsen; auf das Ueberfuehren der Wagen von den Reparaturtrailern zum Abfahrtspunkt, wobei die Karosserien hochgestellt sind und die Rennwagen ihren "Bauch" praesentieren.

Da der Rennwagen eben auch als Objekt verkoerperter Power und zu verehrender Aesthetik und Schoenheit gesehen wird, wird der Wagen als Objekt auf einen Kultstatus erhoben, eine Art super-alltaeglichen Starsymbols (supra-mundane icon). Frazees derzeitige Installation zeigt unter anderem in ihren uebergrossen Zeichnungen die Schoenheit der Rennwagensilhouetten in der Klasse der Funny Cars auf. Gleichzeitig evozieren die schwarzen Silhouetten dem Ausstellungstitel gemaess die Assoziation von Saergen.

Sport ist in unserer Gesellschaft zu einem Masssenphaenomen geworden. Helden werden von den Medien gemacht, und eine umfangreiche Nachfolgeindustrie vermarktet den "Gladiatoren"-Status der Sportshelden. Dies is nicht der Aspekt, den Frazee untersucht.

Das "Abbrennen (burn out) der Reifen vor dem Rennen setzt er mit einer "Aufwaermphase" gleich. Das Rennen selbst ist das Aequivalent zum "Kill". Die Rueckkehr des Wagens in den Werkstattrailer zur vollstaendigen Ueberholung ist die Ruhephase zur Vorbereitung auf den naechsten "Kill". In genau dieser Sequenz sieht Frazee die Verbindung zu seinem frueheren Thema der Serienmoerder, die ihren "High" aus einer ganz aehnlichen Handlungsabfolge herleiten, wobei das toeten selbst (the kill) als totale "Verbrennung" und "Saturation" erlebt wird. Das drag racing wird ebenfalls als totale "Verbrennung" und "Saturation" in jenen Sekunden erfahren, in welchen Fahrer und Wagen untrennbar eine Einheit bilden und die Zuschauer in einer "Explosion" der Sinne "verschlungen" werden. Es ist der Part der intimen Fusion von Mensch und Maschine und der Motivationen, diese Fusion zu suchen und einzugehen, der Frazee interessiert. Im Prozess dieser Erforschung ergeben sich aesthetische und psychologische Erkenntnisse, denen wir, ohne dass uns der Kuenstler dahin fuehre, so nicht begegnen wuerden.